Schützen-Komitees

Auf die Existenz dieser Komitees weisen nur einige Berichte oder Anzeigen in Konsistorialakten und Tageszeitungen hin. Eigene Vereinsunterlagen wie Protokollbücher, Abrechnungen oder Mitglieder-verzeichnisse fehlen völlig, weshalb zu vermuten ist, dass es sich bei diesen Komitees nicht um ei-genständige Vereine handelte.

Das älteste, bisher bekannte Schützenfest wurde nach einem Bericht des damaligen Pastors Dr. Friedrich Pustkuchen (1820 – 1827) in Lieme am 08.07.1821 in Lieme gefeiert. In dem Bericht heißt es:

„Am 8ten Juli 1821 feierte unser junges Volk mit des Amtes und meiner Erlaubnis ein Schützenfest. Alle (Teilnehmer) besuchten erst die Kirche und kamen dann auf den Pfarrhof. Die Ordnung war mus-terhaft, kein Schreiender, kein Trunkener. Gegen 4 Uhr nachmittags kam der ... über die nahe gelege-ne Trift geritten. Er kehrte von einer Hochzeit aus dem Amt Detmold zurück. Ganz trunken schwankte er hin und her. Das Pferd wurde wild, sprengte zwischen den gelagerten Weibern und Kinder (herum) und warf ihn endlich ab. Der Küster und einige andere (Männer) halfen ihm zur Ruhe im Bett. Einen solchen Skandal konnte ich nicht ungerügt lassen, doch strafte ich´s nicht öffentlich, sondern missbil-ligte es mündlich...“

Dieser Bericht über das Schützenfest 1821 enthält erstaunliche Fakten:


Der Festplatz war der Liemer Pfarrhof an der Sandstraße (heute Dorfstr. 6), der Pfarrer erteilte die Genehmigung und überwachte das Fest. Veranstalter waren „unsere jungen Leute“, nach heutigen Maßstäben sicherlich kein Schützenverein.

Veranstalter eines weiteren Schützenfestes war ein Schützen- Komitee, das in der Lemgoer „Sonn-tagspost“ Nr. 48 vom 03.12.1873 folgende Anzeige veröffentlichte:

„Zu dem am Sonntage, dem 7. Dezember in Lieme


stattfindenden


S c h ü t z e n f e s t e


werden hiermit Freunde derartiger Vergnügungen


freundlichst eingeladen.



Das Schützen- Komitee.“

Weitere Informationen über dieses Fest von 1873 sowie über seine Organisation fehlen, so dass hier offen bleiben muss, was sich hinter dieser Vereinigung verbarg.

Gute Informationen über ein Schützenfest liegen vor, welches zur Jahreswende 1888/ 89 in Lieme ge-feiert wurde. Auch hier veröffentlichte ein Schützen- Komitee vor dem Fest eine Anzeige in der zwi-schenzeitlich umbenannten „Lippischen Post“ zu Lemgo, die wie folgt lautete:

Die Schützen- Gesellschaft zu Lieme feiert am Sonntag,


dem 30. diesen Monats und am Dienstag, dem 1. Januar


neuen Jahres ihr


S c h ü t z e n f e s t.


Die Festbälle finden an beiden Tagen in dem geräumigen


Zelte statt. Die Musik wird ausgeführt von der Kapelle des


Pionier- Bataillons Nr. 10 in Minden.

Es lädt ergebendst ein


Das Komitee.“

Über den Verlauf des ersten Festtages berichtete die „Lippische Post“ in ihrer Ausgabe vom 01.01.1889:

„Seit 15 Jahren hatten wir hier kein Schützenfest gefeiert, es war also wohl zu erwarten, dass das diesjährige, auf Sonntag, den 30. Dezember und Dienstag, den 1. Januar veranstaltete Fest sich gro-ßer Beteiligung erfreuen würde. Den besten Schuss tat Tischlergeselle August Dröge, den zweitbes-ten Mühlenbesitzer Brand aus Büllinghausen. Ersterer errang dadurch die Würde des Schützenkönigs und letzterer die des Kronprinzen. Als Schützenkönigin wurde Fräulein Friederike Sturhahn und als Kronprinzessin Fräulein Moritz erkoren. In schönster Eintracht verlief auch der Schützenball, welcher bis 2 Uhr morgens Alt und Jung in vergnügtester Stimmung vereinte. Hoffen wir, dass uns das Wetter am zweiten Tage ebenso günstig und die Feststimmung eine gleich ungetrübte ist.“

Dass die Festfreuden dann doch nicht ganz so ungetrübt waren, berichtete die „Lippische Post“ ihren Lesern eine Woche später:

„… ein besonderer Umstand veranlasst uns, folgendes über das genannte Fest in die weitere Öffent-lichkeit zu bringen. – Die Vorbereitungen zu demselben verliefen in bester Eintracht und würde wohl das ganze Fest ohne jeglichen Misston verlaufen sein, wenn nicht unser Prediger Deppe bei dem Verwaltungsamte in Brake mit Erfolg gegen den zuerst gewählten Festplatz Beschwerde erhoben hät-te. Dieser Platz ist der Garten des Kolon Droste (heute Bereich Gemeindehaus) hierselbst, welcher ca. 40 Meter von der Kirche und vielleicht nicht ganz so weit vom Pfarrhaus entfernt liegt. Nun hatte der Pastor in seinem Beschwerdeschreiben angegeben, dass er, falls das Fest auf genanntem Platze gehalten würde, den Sylvester- Gottesdienst ausfallen lassen müsse. Hätte sich der Herr ein wenig erkundigen wollen, so konnte er es vorher erfahren, dass der Tanz an beiden Festtagen erst abends beginnen würde, und (er) konnte dann seine Vorbereitung zum Gottesdienst in eine Zeit verlegen, in welcher er nicht gestört wurde, stand ihm doch der ganze Tag nach dem 30. Dezember dazu zur Ver-fügung. Wahrscheinlich aber wollte sich unser Pastor überhaupt nicht in seiner Gemütlichkeit stören lassen. …

Die Schützen- Gesellschaft sah sich also genötigt, da das Verbot vom Verwaltungsamte wenige Tage vor dem Fest eintraf und daher keine Zeit übrig war, Schritte hiergegen zu versuchen (was sicher nicht ohne Erfolg geblieben wäre), einen Platz außerhalb des Dorfes in Aussicht zu nehmen.

Nur selten feiern wir in Lieme ein Schützenfest (das vorletzte wurde, wenn wir nicht irren, vor 15 Jah-ren abgehalten), um so mehr ist zu wünschen, dass es jedesmal in ungetrübter Weise verläuft. Für die Zukunft haben wir jedoch den angenehmen Trost, dass der Herr Pastor Deppe demselben keine Schwierigkeiten wieder bereiten kann, da er in einigen Monaten unser friedliches Dorf verlässt.“

Wer der Verfasser dieses Berichts war, ist nicht bekannt.

Das bis dahin letzte Schützenfest wurde am 03. und 10.02.1907 in Lieme gefeiert. Von dieser Veran-staltung informieren mehrere Zeitungsannoncen und –berichte, so dass Organisation und Festgestal-tung genau bekannt sind. Hinzu kommt eine Niederschrift im Protokollbuch des Kriegervereins Lieme vom 06.12.1906, in der es heißt:

„(Das) Schützenfest betreffend wurde der Vorschlag des Kameraden Führing gemacht, dass von je-dem Verein 5 Mitglieder gewählt werden zur Kommission, welche die Sache anregen und zusammen (er-)arbeiten soll. Als Kommission vom Kriegerverein wurde vorgeschlagen: Simon Kirchhof, A. Stock, A. Bergmann, Hermann Adam II und Gustav Sentker“.

Der Zieglerverein scheint dem zugestimmt zu haben, denn am 31.01.1907 veröffentlichte das neuge-bildete Schützen- Komitee folgende Anzeige in der Lippischen Post, Lemgo:

Parole: Lieme ! !

Liemer Schützen- Gesellschaft


__________



Zu dem am 3. und 10. Februar stattfindenden

S c h ü t z e n f e s t e

verbunden mit Vergnügungs- Schießen ladet


freundlichst ein


________


das Komitee

Der vierspännige Königswagen wird von


Herrn Brokmeier- Lemgo gefahren, welcher


gleichzeitig eine

Omnibus- Verbindung


zwischen Lemgo und Lieme

zu ermäßigten Preisen einschaltet.

Am 02.02.1907 erschien in der „Lippischen Post“ folgender Vorbericht über das am nächsten Tag be-ginnende Schützenfest:

„Am 3. und 10. Februar wird in unserem Ort seit 16 Jahren mal wieder ein Schützenfest gefeiert. Jung und Alt nimmt an dem Feste regen Anteil, und (es) verbürgen uns die gewählten Komiteemitglieder sowie der Oberst – Herr W(ilhelm) Führing – das Fest zu einem würdigen zu gestalten. Am 3. Februar wird das Königsschießen stattfinden (mit nachfolgender Proklamation des Königs- und Kronprinzen-paares) und an beiden Sonntagen (ein) großer Rundmarsch durchs festlich geschmückte Dorf (nach vorherigem Abholen des Königs- und Kronprinzenpaares sowie der berittenen Offiziere) mit nachfol-gendem Balle. Einen recht imposanten Eindruck wird der ca. 220 Mann starke Schützenzug, der unter Voranritt von 4 Herolden eröffnet wird, machen, wenn die 25 berittenen Offiziere mit ihren als Kopfbe-deckung dienenden altertümlichen Dreimastern dem Zuge das Geleit geben, und der von 4 Pferden gezogene Königswagen mit den zur Aufwartung der höchsten Herrschaften betrauten, in altertümli-cher Tracht gekleideten Lakaien seinen Durchzug nimmt. An beiden Tagen werden 40 Ehrendamen zur Verschönerung des Festes beitragen, sowie zu geeigneten Zeiten Böllerschüsse abgegeben wer-den. Wer daher ein Freund von heiteren Volksfesten ist und vergnügte Stunden verleben will, für den heißt die Parole am 3. und 10. Februar: Auf nach Lieme zum Schützenfest!“

In der nächsten Ausgabe berichtete die „Lippische Post“ über den ersten Festtag:

„Der erste Tag des Schützenfestes brachte bereits eine große Beteiligung. Der Festzug war recht im-posant und erregte überall Interesse. Beim Königsschießen wurde König Herr August Rieke von hier, der sich zur Königin Frau Gutsbesitzerin Brand erkor. Herr Wilhelm Sturhahn wurde zum Kronprinzen ernannt und Kronprinzessin war Fräulein Hermine Steinmeier.“

Am 11. Februar folgte der Bericht über den zweiten Festtag:

„Vorüber sind nun die schönen Schützenfesttage, die so mancherlei Abwechslung in das alltägliche Leben gebracht haben und wohl bei einem jeden Festteilnehmer noch lange ich schöner Erinnerung bleiben werden“, beginnt der Abschlussbericht der Zeitung über das bis dahin letzte Schützenfest in Lieme. „War es doch ein Volksfest im reinsten Sinne des Wortes, an dem ein jeder, ob hoch oder niedrig teilnahm, und möge es als solches dazu beigetragen haben, die in unserer Zeit immer mehr zu Tage tretende Kluft zwischen hoch und niedrig zu überbrücken.“

Schließlich beantwortete der Berichterstatter der „Lippischen Post“ indirekt auch die Frage, ob in Lie-me kurz- oder langfristig ein Schützenverein bestanden hat, denn er schreibt weiter:

„Dank allen, insbesondere den Herren Komiteemitgliedern, die dazu beigetragen haben, das Fest zu dem zu gestalten, was es gewesen ist. Da nun wegen des in unserem Ort schon existierenden Krie-ger-, Ziegler- und Radsportvereins an die Bildung eines Schützenvereins nicht zu denken ist, aus dem sich (zwangsläufig) die Abhaltung von Schützenfesten in kürzeren Zeitabständen von selbst ergäbe, so möchte doch angeregt werden, ob nicht durch Zusammenschluss der Vereine – wie bei diesem Schützenfest in erfreulicher Weise zu konstatieren war – alle 4 bis 5 Jahre ein Schützenfest gefeiert werden könnte, zumal sich unser Ort zur Abhaltung solcher Feste mal wieder als sehr geeignet ge-zeigt hat.“

Dieser Wunsch des Berichterstatters der „Lippischen Post“ ist – wie wir heute wissen – nicht in Erfül-lung gegangen, so dass abschließend festgestellt werden kann:

- Einen Schützenverein hat es in Lieme nicht gegeben.

- Die Schützenfeste von 1873, 1888 und 1907 wurden gemeinsam von den bestehenden Gruppierun-gen veranstaltet, wozu sie für das jeweilige Fest ein Organisations- (Schützen-)komitee bildeten, das sich nach der Abwicklung des Festes wieder auflöste.

Die Schützenfeste und ihre Schützenfestkomitees sind damit eine Randerscheinung des Liemer Ver-einslebens geblieben.

(Quelle: F. Starke - "Lieme - Eine Dorfgeschichte in Einzeldarstellungen")