Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen

Vereine sind immer ein Teil der Geschichte und ein Spiegel ihrer Zeit. Dies insbesondere, wenn sich die Vereine sozialen Aufgaben widmen, wie der Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten Deutschlands.

Die Ortsgruppe Lieme wurde gegen Ende des 1. Weltkriegs gegründet.

In dieser Zeit litt die Lippische Wirtschaft stark unter den Folgen des verlorenen Krieges:

• Das Baugewerbe arbeitete verkürzt, "um die Arbeit zu strecken", wie es in einem Aufruf des Verbandes der Lippischen Bauunternehmer von 1921 hieß.

• Als Folge davon hatte auch das Zieglergewerbe mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, was zu erheblicher Arbeitslosigkeit im "Zieglerländchen" führte.

• Das gleiche galt für die Möbelindustrie, ein anderes Standbein der heimischen Wirtschaft.

• Unter der Kurzarbeit und der Arbeitslosigkeit litten auch Handel und Gewerbe, die in Lieme zu jener Zeit sehr große Bedeutung hatten.

Die damaligen Hauptprobleme der Gemeinde Lieme lassen sich in folgenden Stichpunkten zusammenfassen: Mangel an finanziellen Mitteln, Verarmung vieler Mitbürger durch die fortwährende Geldentwertung, unzureichende Versorgung der Dorfbewohner mit Wohnungen, Pachtland und Brennmaterialien.

Gegen Ende des 1. Weltkriegs war die Unterstützung der Kriegsversehrten und Hinterbliebenen völlig unbefriedigend. In Lippe gab es seinerzeit rund 3.000 Kriegsbeschädigte und 2.000 Hinterbliebene. Mit einem derartig langen Stellungskrieg und solch zahlreichen Opfern hatte die Führung des Deutschen Kaiserreiches nicht gerechnet und deshalb war auch die Versorgung der Kriegsopfer völlig unzureichend.

Die Regierung in Lippe hatte während des Krieges einen Landesausschuss der lippischen Kriegsfüsorge gebildet, der neben staatlichen Mitteln auch kirchliche und private Spenden nach Bedürftigkeit an die Betroffenen verteilte.

Erst 1920 wurde ein einheitliches Kriegsopferversorgungsgesetz erlassen, das einen Rechtsanspruch der Kriegsopfer begründete und festlegte, dass das Deutsche Reich 4/5, das betreffende Land (Freistaat Lippe)1/10 und die zuständige Selbstverwaltungskörperschaft (Amtsgemeinde Brake) 1/10 der Kriegsopferrenten aufzubringen hatten.

In den darauf folgenden Jahren zeigte sich dann aber deutlich, dass diese gesetzliche Regelung nicht einmal ausreichte, um den Kriegsopfern das Existenzminimum zu sichern. Mitte 1923 waren die Kriegsrenten auf etwa 25 % des Existenzminimums gesunken.

Dieser Umstand hätte zu einer unvorstellbaren Verelendung der Bevölkerung führen können, wenn nicht die meisten Kriegsrentner seinerzeit Nebenerwerbslandwirte gewesen wären.

Mit dem Erlass des Fürsorgepflichtgesetzes 1924 verbesserte sich die Situation der Kriegsrentner dann ein wenig.

Vor diesem Hintergrund kam es in Lippe gegen Kriegsende zur Bildung zweier Kriegsopferverbände:

• Der Bund Lippischer Kriegsbeschädigter und Hinterbliebener und

• Der Einheitsverband Deutscher Kriegsbeschädigter und Hinterbliebener.

In Lippe entwickelte sich der "Einheitsverband" zur stärkeren Kriegsopferorganisation. Auch die Ortsgruppe Lieme schloss sich diesem Einheitsverband an und bestand bis zur Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933. Ob die Ortsgruppe Lieme dann in die nationalsozialistische Kriegsopferversorgung überführt wurde oder sich auflöste, steht nicht fest.

Nach Ende des 2. Weltkriegs nahm die Ortsgruppe Lieme am 01.01.1948 ihre Arbeit wieder auf und hatte nach kurzer Zeit bereits 88 Mitglieder, darunter 28 Kriegsversehrte und Hinterbliebene des 1. Weltkriegs.

In Lieme haben einer Schätzung zufolge mehr als 300 Männer aus der Gemeinde aktiv als Soldaten im 1. Weltkrieg gedient. 90 von ihnen fielen oder blieben vermisst. 30 - 40 kehrten als Kriegsversehrte zurück. Dazu kamen etwa 25 - 30 Kriegshinterbliebene.

(Quelle: F. Starke - "Lieme - Eine Dorfgeschichte in Einzeldarstellungen")