Der Wahrturm auf dem Enger

Obwohl sich die Grafschaft Lippe für neutral erklärt hatte, zog 1621 auch in Lieme der Krieg ein, als der „tolle Christian“ von Braunschweig den Stein- (Pfarr-)hof bezieht und sein 22.000 Mann starkes Heer auf der Liemer Heide lagert.

1629 löst der Oberst von Eichstedt sein Regiment dort auf und die entlassenen Soldaten strömen plündernd und mordend durch die Stadt. Zurück bleiben Dorfbewohner, die nicht wissen, wie sie sich, ihre Kinder und das Vieh weiter ernähren und versorgen sollen.

1632: Lippe liegt zwischen den Schweden in der Festung Minden und den Kaiserlichen in Paderborn und wird zum Operationsbereich beider Seiten. Lemgo ist immer wieder Ziel beider Truppenverbände. Insbesondere Lieme und Brake sind beliebte Ziele. Den Bauern werden die Pferde aus den Ställen geholt, das Vieh abgeschlachtet, Saatgut, Hausgeräte, Bettzeug und Kleidung geraubt oder verbrannt.

1635: Die Liemer greifen zur Selbsthilfe. Sie folgen dem Beispiel der Stadt Lemgo, die um ihre Stadt eine Landwehr mit zahlreichen Turmhöfen angelegt hat, von denen aus man das Umland beobachten kann und errichten auf dem Enger einen Wach- und Beobachtungsturm, den sogenannten (wahrscheinlich hölzernen) „Wahrturm“.

Der Turm stand südlich des heutigen Freibads in Lieme auf der Anhöhe, die damals den Flurnamen „Enger“ trug. Von diesem Standpunkt aus konnte man die westlichen Zufahrtsstraßen und –wege zum Dorf Lieme, die Heerstraßen Bielefeld- Hagen- Lemgo und den Weg nach Hölsen gut einsehen und die Dorfbewohner so vor heranrückenden Truppen rechtzeitig warnen.

Doch schon bald führte die fortwährende Belastung durch die Wachdienste auf dem Turm zu Streitereien im Dorf. Trotz der Bedrohung durch überraschende Überfälle weigerten sich einige Dorfbewohner an den Wachdiensten teilzunehmen. Diese „Dorfverräter“ mussten mit Geldstrafen zur Teilnahme an den Wachdiensten gezwungen werden.

Doch auch der Wahrturm mit seinen Wachen konnte nicht verhindern, dass 1636 das Nassauische Regiment unter Graf Wittgenstein im Dorf Quartier bezog. Nach seinem Abzug wurde die folgende, auszugsweise Schadensmeldung an das Amt Brake übersandt:

Tonnieß Brand (Nr. 2) hat mit anderen Bewohnern des Dorfes sein Haus verlassen und in Lemgo Zuflucht gesucht. Nach Abzug der Soldaten hatte er einen Schaden von 61 Rtlr zu verzeichnen. „Eine Anzahl Eichendielen und etliches Bauholz, so die Soldaten in seinem Haus verbrannt, 5 aus der Kapelle gestohlene Brote und zwei aus Lemgo ins Quartier geschickte Schinken ...“.

Meier Curdt und seine Mutter (Nr. 7) hatten 3 Scheffel Korn unter dem Stroh versteckt. Das Korn war verschwunden, alles Hausgerät zerschlagen oder verbrannt.

Krüger Henrich Nieweg (Nr. 22) wurden alle Biertonnen und alles Hausgerät zerschlagen und verbrannt.

Hermann Menke (Nr. 6) Bettspann, Kästen, 3 Türen, Milchfässer und 1 Schneidelade verbrannt, ein Balkenstein entwendet.

Meister Hansen Koch „... wiewohl derselbe zu Hause geblieben und nicht verlaufen“, alle Hausgeräte verbrannt und „allerlei Instrumente, so ein Koch bei seiner Kunst gebrauchet“, entwendet.

Dem alten Führing (Nr. 13) „sein Haus dermaßen ruiniert, dass er die Herberge bei anderen suchen muss“.

Johannes Tewes (Nr. 23) „ganz ausgeplündert“.

Johann und Hansen Bartholding (Hengstheide Nr. 40) je 1 Schwein geschlachtet.

Naber Trineke (Hengstheide Nr. 34) „1 ganz Werk vom Webertau genommen“.

Die Gesamtsumme der Kriegsschäden dieser sechstägigen Einquartierung wurde mit 587 Rtlr angegeben.

Der Wahrturm scheint bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges auf dem Enger gestanden zu haben. 1643 wird er jedenfalls noch einmal erwähnt. Mit dem Kriegsende hatte er seine Aufgabe erfüllt und ist dann wohl abgerissen worden.

(Quelle: F. Starke - "Lieme - Eine Dorfgeschichte in Einzeldarstellungen")